Die Lakers – oder die Playoff-Sensation aus der Transfer-Brockenstube
Die Magie der Brockenstube. So lässt sich die grösste Überraschung der Playoffs gut auf den Punkt bringen. Die Rapperswil-Jona Lakers können die Saison des Titanen Fribourg-Gottéron am Montagabend mit einem Sieg beenden und in den Halbfinal vorrücken. Selbst wenn sich Gottéron doch noch retten sollte: Das Taumeln des himmelhohen Favoriten ist die Playoff-Sensation. Womit wir bei der Frage sind: Was hat das mit der Brockenstube zu tun?
Nun, sehr viel. Wer teure Stars nicht bezahlen kann, muss Spieler finden, die andere falsch eingeschätzt oder übersehen haben und nun in der «Transfer-Brockenstube» gelandet sind. Spieler wie beispielsweise Melvin Nyffeler. Einst bei den ZSC Lions ausgebildet, hat er weder in Zürich noch bei Gottéron oder Kloten eine Chance bekommen.
Vor gut zehn Jahren ist er in der zweithöchsten Liga bei den Lakers gelandet und mit dem Team den Weg zurück nach oben gegangen: Cupsieg, Aufstieg, Playoff-Halbfinal 2021. Heute ist er der «Leonardo Genoni der bescheidenen Leute» und der Torhüter mit dem besten, konstantesten Preis-Leistungsverhältnis der Liga. Er hat im Viertelfinal während mehr als 45 Minuten Gottéron-Powerplay keinen einzigen Treffer zugelassen.
Oder der Zuger Junior Nico Dünner. Er war bei Langenthal gestrandet und bot sich bei den Sportchefs der höchsten Liga an und bekam selbst von Ambri und Langnau Absagen. Schliesslich hat er 2019 bei den Lakers Unterschlupf gefunden. Heute ist er Captain des Überraschungsteams der Saison.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Um diese besondere Zusammensetzung des Teams zu verstehen, müssen wir bloss den «Brockenstuben-Test» machen: Wenn die Lakers Konkurs gehen sollten und alle Spieler zur Verfügung stehen würden: Wie viele Schweizer bekämen sofort bei der Konkurrenz aus der oberen Tabellenhälfte einen gut bezahlten Stammplatz und wie viele würden in der «Transfer-Brockenstube» landen? Wir wollen nicht grübeln und nicht zählen.
Dazu passt auch die Geschichte des Trainers: Johan Lundskog hatte sich in Schweden und in Davos den Ruf eines exzellenten Assistenten erarbeitet, war aber in Bern und in Mannheim als Cheftrainer gescheitert. SCB-Manager Marc Lüthi sträubte sich damals intern gegen die Beförderung vom Assistenten zum Cheftrainer: Ein vom SCB bei einer Personalberatung in Auftrag gegebenes Gutachten enthielt kritische Anmerkungen zu den Führungsqualitäten des Schweden. Das Dokument fand erst noch auf bis heute ungeklärten Umständen den Weg in die mediale Öffentlichkeit.
Und nun ist der damals in Bern so blossgestellte Coach drauf und dran, eine der grössten Sensationen der Playoff-Geschichte zu vollbringen. Dass er auf dem Weg in den Viertelfinal im Play-in den SCB ausgebootet und gedemütigt hat, ist eine ganz besondere Geschichte über Gerechtigkeit im Sport.
Wer wenig Geld hat – das Budget der Lakers ist ungefähr gleich hoch (rund 15 Millionen) wie das von Ajoie – muss dafür sorgen, dass das Umfeld perfekt ist. «Er hat auf sehr viel Geld verzichtet», sagte kürzlich ein nach wie vor verärgerter Sportchef eines Grossklubs. Tyler Moy, WM-Silberheld von 2025, hat kürzlich zur ligaweiten Überraschung alle lukrativen Angebote ausgeschlagen und für vier Jahre bei den Lakers verlängert. Der amerikanisch-schweizerische Doppelbürger bewertet die Qualität des Umfeldes höher als das Salär. Nach dem Motto:
Dazu passt: Roman Cervenka war bei Gottéron und den ZSC Lions nie richtig glücklich geworden. Im Sommer 2019 wechselte er zu den Lakers, dominierte fünf Jahre lang unsere Meisterschaft, wurde zweimal Liga-Topskorer und Liga-MVP und ist im Sommer 2024 in seine Heimat zurückgekehrt.
Die Verhandlungen mit Tyler Moy führte der neue Sportchef Claudio Cadonau. Auch seine Geschichte passt zu den Lakers. Im letzten Frühjahr neigte sich seine Karriere bei Langnau dem Ende zu. Mit 36 Jahren war es Zeit für eine neue Herausforderung neben dem Eis. Er hat sich bei den Lakers um die freigewordene Stelle des Sportchefs (Janick Steinmann ist nach Lugano weitergezogen) beworben. So wie er es in der Schule gelernt hat. Mit Motivationsschreiben und Lebenslauf und ohne KI. Am 2. Mai 2025 bekommt er den Job, am 3. Mai nimmt er bereits an der ersten Sitzung des Verwaltungsrates teil.
Es sind solche Geschichten, die erzählen, was die Lakers ausmacht. Eine tiefe Krise nach dem kurzen Wahn, zu den Grossen der Liga zu gehören (Playoff-Halbfinal 2006 unter Bill Gilligan) führte 2015 zum Abstieg – und Demut. Auch nach der Rückkehr in die höchste Liga (2018) ist diese Demut nicht verloren gegangen und selten wird im Sport so wenig Geld so gut gemanagt worden wie in Rapperswil-Jona.
Ein wenig ist diese Stadt halt auch ein «Disneyland unseres Hockeys» und ein Standortvorteil: Eine wunderbare Lage am See, in einem vergessenen Winkel des Kantons St.Gallen und von den Zürchern weitgehend ignoriert, im Windschatten des medialen Interesses, vernünftige Erwartungen, eine solide Fanbasis (konstant zwischen 80 und 83 Prozent Stadionauslastung) und wenn es mal nicht läuft, keine überzogene Kritik und keine Hektik. Ein wenig ein «Langnau am See» (aber noch nie Meister).
Vieles ist bei den Lakers zwar arbeitsintensiver, aber auch einfacher als bei einem Grossklub, mit ziemlicher Sicherheit auch der Job des Trainers. Die Gefahr, dass die Leistungskultur mit zu viel Geld überdüngt wird wie in Zug oder Bern besteht nicht. Die Lakers sind nicht bloss das Überraschungsteam der Saison. Sie sind das Überraschungsteam des Jahrzehntes: Seit dem Wiederaufstieg von 2018 holen sie Jahr für Jahr ein Maximum aus ihren Möglichkeiten heraus.
So gesehen sind die ruhmreichen Playoffs gegen Gottéron keine Sensation. Sondern eine weitere Bestätigung für jahrelanges exzellentes Management.
